Kaum ein Projekt hat den Markt so lange im Griff, wie die denkmalgeschützten Häuser in der Scheibengasse. Von Marktseite für die nächsten Generationen erhalten oder nun doch verkaufen? Diese Entscheidung steht bei der kommenden Marktratssitzung auf der Agenda. Doch zuvor beraumte Bürgermeister Alfons Sittinger eine Informationssitzung an, bei der das Restaurierungs- und Nutzungskonzept vorgestellt wurde. Und da das Interesse der Öffentlichkeit groß ist, wurde die Sitzung ins Kulturzentrum des Unteren Schlosses verlegt.
„G’lump von gestern oder Wert von morgen“, fragte der ehemalige Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Prof. Egon Johannes Greipl in die gut besuchte Runde. Für den Historiker und Denkmalpfleger steht fest, die beiden Häuser aus den Jahren 1550 und 1638 müssen für die Nachwelt erhalten bleiben. Die Gesellschaft habe eine sozialgeschichtliche Verpflichtung und wer, wenn nicht eine Kommune, müsse dieser Verpflichtung, die sogar in der Bayerischen Verfassung verankert ist, nachkommen. „Die Häuser können nichts dafür, dass sie so aussehen. Die Häuser sind keine Schandflecken, sondern es ist eine Schande, dass sie keine Pflege erhalten.“
Die Fördertöpfe werden dafür weit aufgemacht, denn auch die Zumutbarkeit spielt in der Erhaltungsfrage eine gewichtige Rolle. Nach einer eingehenden Expertenuntersuchung werden die Restaurierungskosten auf 2160000 Euro geschätzt. Aus dem Entschädigungsfond des Denkmalschutzes würden 950000 Euro fließen, 100000 Euro kommen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, 700000 Euro aus der Städtebauförderung und auch der Landkreis trägt mit 10000 Euro einen kleinen Teil bei. Der verbleibende Eigenanteil des Marktes beläuft sich somit auf 400000 Euro.
Bevor die Förderfragen geklärt werden konnten, musste der Markt eine eingehende Voruntersuchung in Auftrag geben. Die Ergebnisse legte Architekt Michael Feil vor, der zudem ein Nutzungskonzept, in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband und der Regierung von Niederbayern erstellte. Die dendrochronologische Untersuchung im Rahmen dieses Vorprojektes zeigte auf, dass das Wohnhaus Scheibengasse 2 eines der ältesten Blockbauten im Landkreis Rottal-Inn ist. Die Häuser wurden vom ansässigen Adel errichtet, um Wohnraum für die Arbeitskräfte zu und Handwerker zu schaffen.
Im 19. Jahrhundert wurden an beide Blockbauten Stadel oder Stall angebaut. Bis in die 1980er war die Scheibengasse 2 bewohnt. Restauratorisch wurde die Substanz des Holzes, der Mauer und der Statik untersucht. Im Baualtersplan sind die Verkleidungen, Fassaden, Fenster, Türen und Raumfassungen aufgeführt. Somit konnte ein genaues Schadensglossar erstellt werden, um zum einen, einen genauen Kostenplan erstellen zu können und zum anderen keine Überraschungen bei der Restaurierung zu erleben. Geradezu schwärmerisch riet Architekt Feil dringend zu einer Instandsetzung beider Häuser und deren Umbau zu einer „bed and bike“-Unterkunft für Radtouristen (Scheibengasse 2) sowie zum Umbau zu einem VHS-Büro mit Ausstellungsräumen für Vereine und regionale Künstler (Scheibengasse 4). Das von Hans Lindner vorgeschlagene Konzept für den Ausbau der Häuser für modernes Wohnen hält Feil indes für unmöglich. Der dafür nötige Dämmschutz sowie die nötigen energetischen Maßnahmen würden einer „Vergewaltigung des Denkmals“ gleichkommen, zumal es an der niedrigen Deckenhöhe von etwas über zwei Meter scheitern würde. „Wir haben uns Gedanken gemacht, Ideen eingeholt und Projekte verglichen. Auch der Tourismusverband hält das Konzept ‘Übernachten im Denkmal’ für durchaus erfolgreich umsetzbar“, hier stehe nicht der Komfort im Vordergrund, sondern vielmehr der Erlebniswert. Zudem mangle es entlang des zum Premium-Radweg klassifizierten Bockerlbahnradwegs an Übernachtungsmöglichkeiten. Auch müsste der Markt in vier Jahren in neue VHS-Räumlichkeiten investieren, die damit ebenfalls gefunden seien. Auch die involvierten Experten der Regierung von Niederbayern sprachen sich für Sanierung und Konzept aus. Barbara Kral bekräftigte, dass die Strukturförderung nicht selbstverständlich sei und nur bei außergewöhnlichen Projekten und Konzepten in dieser Höhe erfolge. Oliver Seischab sprach von einer Verpflichtung, sozialgeschichtliche Werte zu erhalten und betonte, dass die Regierung von Niederbayern sich intensiv mit der Konzeptionierung befasst hatte. „Bed an bike“ sei ein mögliches Konzept, ebenfalls seien einfache Ferienwohnungen mit „Hüttencharme“ im Gespräch gewesen. Wichtig sei jedoch, dass nicht weiterhin eine Ruine herumstehe und dem Verfall tatenlos zugesehen werde.
Stimmen aus dem Marktrat
Marktrat Arno Sonderfeld stellte im Anschluss an die Präsentation die Kalkulation der Betriebskosten in Frage. Die von Bürgermeister Sittinger veranschlagten 25 Euro je Übernachtungsgast seien wegen der errechneten jährlichen Betriebskosten von 42000 für die Scheibengasse 2 nicht haltbar. Architekt Feil stellte jedoch klar, dass ein Denkmal niemals einer volkswirtschaftlichen Berechnung und Sinnfrage standhalten würde: „Die Frage ist, was ist es dem Markt wert, ein Denkmal zu erhalten.“
Marktrat Moritz Graf von Deym plädierte für die Erhaltung, zumal sozialgeschichtliche Wertschätzungen ohnehin in der Gesellschaft stiefmütterlich behandelt würden. Zweiter Bürgermeister Konrad Stadler hinterfragte die Seriosität der Kostenberechnung, die laut Regierung und Architekt, dank der fundierten Voruntersuchung sehr genau seien. LWG Fraktionsführer Hans Schmied räumte ein, dass seine Fraktion bislang gegen einen Verkauf war. Aber da nun klar sei, dass das Denkmal erhalten werden müsse, plädiere man für einen Verkauf, da der Markt die 400000 Euro sinnvoller nutzen könnte. Auch stehe die Bevölkerung nicht hinter dem Projekt.
Bevölkerung ins Boot holen
Sowohl Prof. Greipl, als auch Architekt Feil zeigten sich sicher, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung bei besserer Information steige. „Die Erfahrung zeigt, dass im Nachhinein sogar größte Kritiker von den Restaurierungskonzepten schwärmen und sich damit identifizieren können“, berichtete Prof. Greipl aus seinen Erfahrungen. Auch die Befürchtungen von Richard Bellmann wegen des Brandschutzes konnten die Experten zerstreuen und auch die niedrige Raumhöhe werde nicht zum Problem.
BU: 01: Istzustand
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